9. Fruchtbarkeit

Frauenspezifische Nebenwirkungen

Strahlen- und Chemotherapie haben Wirkungen, die Frauen in besonderer Weise betreffen: Sie beeinflussen oder beeinträchtigen die Funktionen der Geschlechtsorgane und damit den Hormonhaushalt. Die Folge davon kann Unfruchtbarkeit und vorzeitige Menopause sein.

Je nach persönlicher Disposition (Alter, Konstitution etc.) und Intensität der Therapie handelt es sich dabei um vorübergehende oder auch andauernde Veränderungen.

In den meisten Fällen treten während und/oder nach der Behandlung (insbesondere mit Chemotherapie) Erscheinungen auf, die den Wechseljahrssymptomen vergleichbar sind: Hitzewellen, Nachtschweiß (der dann in diesem Fall nicht mit dem Tumor zu tun hat!), Herzjagen, Stimmungsschwankungen, unregelmäßige oder ganz aussetzende Blutungen und ähnliches. Frauen, die regelmäßig und auch während der Therapie die Pille nehmen, scheinen von diesen Symptomen weniger betroffen zu sein.

Jede Frau sollte mit ihrem Gynäkologen oder Hausarzt besprechen, ob und welche Maßnahmen sie ergreifen soll. Um akute Beschwerden zu lindern, bzw. später auftretenden Erkrankungen (Herz-Kreislaufstörungen, Osteoporose -Cortison ist ein Osteoporose begünstigendes Mittel-) vorzubeugen, kann es angeraten sein, Hormone (kombinierte Östrogene, Gestagene) zu nehmen.

In jedem Fall aber sollte schon während der Behandlung darauf geachtet werden, die Therapie so schonend wie möglich durchzuführen.

Vorsorgliche Maßnahmen:

Bei Bestrahlung:
Hinsichtlich der Strahlentherapie gibt es zwei Möglichkeiten. Ab einer Dosierung von 30 Gray auf die Eierstöcke werden diese bleibend geschädigt. Um das zu vermeiden, kann man die Eierstöcke vorher operativ verlegen -entweder nach hinten (hinter die Gebärmutter) oder seitlich, sozusagen nach außen, aus dem Bestrahlungsfeld heraus. "Mehr als 90% der (so) behandelten jungen Patientinnen mit Morbus Hodgkin, entwickeln wieder einen geregelten Menstruationszyklus. Bei älteren Patientinnen (das heißt ab 30 Jahren) ist der Prozentsatz wesentlich geringer." * Aber auch die Verlegung kann Beeinträchti-gungen, hervorgerufen durch Vernarbungen und Verklebungen, zur Folge haben.
Die andere schützende Maßnahme besteht darin, die Eierstöcke, so weit wie möglich mit Bleiplatten abzudecken.

Bei Chemotherapie:
Während der Chemotherapie kann eine begleitende (Hormon)-Therapie das Risiko der Unfruchtbarkeit verringern. Deshalb sollte zumindest bei allen Frauen, für die noch nicht entschieden ist, ob sie noch ein Kind haben wollen oder nicht, vor der Chemotherapie ein Bluthormontest gemacht und eine entsprechende Therapie erwogen werden.

Mutterschaft:?

Veronika, 32 Jahre, Stadium IIaE:

Ich und mein Mann wollten immer gern Kinder haben, aber die ersten Jahre der Ehe blieben unfruchtbar. Dann, als ich 26 Jahre alt war, eine Woche vor dem Urlaub, stellte ich fest, daß ich schwanger war. Aber ich bekam Blutungen und eine Fehlgeburt. Zurück blieben Schmerzen im Brustkorb. Schließlich wurde beim Röntgen ein Schatten entsprechend einem Tumor auf der Lunge festgestellt. Der Brustkorb wurde geöffnet, der Tumor nach Kiel geschickt - Morbus Hodgkin.

Ich bekam zwei Zyklen Chemotherapie und wurde im oberen Bereich mit 40 Gray, im Bauchraum mit 30 Gray bestrahlt. Trotz Krankheit und Therapie war mein Kinderwunsch sehr stark. Ich besorgte mir Informationen und rückte meinen Ärzten mit diesbezüglichen Fragen zu Leibe. Bei der Bestrahlung der Milz wurden folglich die Eierstöcke, so weit es ging abgedeckt, um sie so wenig wie möglich zu schädigen. Während der Therapie und auch danach war meine Menstruation immer regelmäßig.

Die ersten zwei Jahre nach der Chemotherapie sollte ich keine Kinder kriegen, weil wie man mir sagte, in dieser Zeit die Rückfallgefahr am größten ist und man mich während einer Schwangerschaft nicht hätte behandeln können, ohne das Kind zu gefärden. Die Gefahr, daß ein späteres Kind durch die Behandlung beschädigt oder behindert sein könnte, bestehe nicht.

Ich bekam von Juni bis September 1989 Chemotherapie und von September bis Dezember 1989 Strahlentherapie.

Ein halbes Jahr später, im Juli 1990 wurde ich schwanger.

Im März 1991 bekam ich ein gesundes Kind: Lukas. 20 Monate später kann dann das 2. Kind: Katrin.

Heute, 1994 ist die ganze Familie gesund und munter. Zur Freude von mir und meinem Mann erwarte ich nun das 3. Kind. Welches hoffentlich ebenfalls gesund zur Welt kommen wird.

Es gibt keinen Grund, einer gesunden, ehemals bestrahlten oder mit Zytostatika behandelten Frau von einer möglichen Mutterschaft abzuraten. Bisher wurde bei Kindern solcher Mütter weder eine erhöhte Rate angeborener Mißbildungen noch sonstiger auf die Krankheit zurückzuführender Schäden festgestellt.

Da die Rezidivgefahr in den ersten zwei Jahren am höchsten ist, wird allerdings von ärztlicher Seite empfohlen, diesen Zeitraum abzuwarten.

*H.Delbrück. "Fertilitätsstörungen potentiell kurativ behandelter Tumorpatienten" in: Fortschr. Med. 102. Jg. (1984), Nr. 42

Zeugungsfähigkeit bei männlichen Morbus Hodgkin-Patienten

Bis zum heutigen Tag gibt es keine exakten, wissenschaftlichen Daten über eine therapiebedingte Unfruchtbarkeit (Infertilität). Fakt ist, daß sowohl Chemo- als auch Strahlentherapie eine chronische Zeugungsunfähigkeit herbeiführen können.
Eine Vorsorgemöglichkeit, um sich im Falle einer therapiebedingten Unfruchtbarkeit irgendwann den Wunsch nach eigenen Kindern zu erfüllen, stellt das sogenannte "Spermabanking" dar.

Hierbei werden innerhalb von 2-3 Wochen, 3-5 Spermaproben, die im Abstand von 3-5 Tagen gewonnen werden, in einer kommerziellen Spermabank eingefroren.

Bisher gibt es keine Anhaltspunkte, die auf eine genetische Schädigung des Spermas durch den Einfrierungsprozeß hinweisen, so daß die Angst auf diesem Wege kein "gesundes" Kind zu zeugen, nach heutigem Wissensstand unbegründet ist.

Wichtig ist es, vor Therapiebeginn eine Spermauntersuchung (Spermiogramm) durchführen zu lassen.

Zum einen müssen für die Anlage eines Spermadepots bestimmte Mindestqualitäten des Spermas erfüllt sein (krankheitsbedingte Schädigungen der Spermaproduktion sind in einzelnen Fällen beobachtet worden), zum anderen ist nur so eine exakte Beobachtung bezüglich einer Erholung der Spermaqualität nach Therapie gewährleistet.

Zusätzlich wird so dazu beigetragen, daß es in Zukunft hoffentlich möglich sein wird, eine bessere und gezielte Beratung zu ermöglichen.

Auch wenn zum jetzigen Zeitpunkt die hier geschilderte Problematik sicherlich nicht im Vordergrund zu stehen scheint, ist es ratsam sich mit diesem Thema vor Beginn der Therapie intensiv auseinander zu setzen.In der Vergangenheit blieb bei vielen Patienten durch mangelhafte Aufklärung und Vorsorge häufig der spätere Wunsch nach Kindern versagt.

Leider werden zum jetzigen Zeitpunkt die Kosten für ein Spermadepot (200,--DM je Spermaprobe) plus 400,-- DM bis 650,--DM pro Jahr an laufenden Kosten in der Regel noch der Krankenkasse nicht von übernommen.

Entsprechende Eingaben von Ärzten und Spermabanken laufen bereits.

Nähere Details sind mit der jeweiligen Krankenkasse abzuklären.


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