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Worte zum Abschied


Jülich, Ende Juli 1999

Liebe Freunde,

Immer mehr spüre ich die Nähe des Todes, es ist für mich an der Zeit, von dieser Welt Abschied zu nehmen. Ich gehe mit viel Trauer um all die Menschen, die mir in Liebe und Freundschaft verbunden sind. 38 Jahre alt bin ich geworden; das ist noch nicht so alt, um zu sterben, aber ich darf mich nicht beklagen.

In diesen 38 Jahren habe ich ein reiches und intensives Leben geführt, in dem ich manchen Traum wahrmachen konnte.

Im Oktober 1993 bin ich krank geworden, es folgte die übliche Behandlung mit Chemo- und Strahlentherapie, trotzdem bekam ich schnell einen Krankheitsrückfall. Es folgte wieder eine Chemotherapie, diesmal höher dosiert. Unter dieser Behandlung hatte ich so viele, z.T. lebensbedrohende Komplikationen, daß es zur geplanten Knochenmarktransplantation gar nicht mehr gekommen ist. Schnell folgte der nächste Rückfall, der mit Bestrahlungen behandelt wurde und wenig später ein weiterer Rückfall. Im Oktober 1996 stand fest, daß ich unheilbar krank war. Im Prinzip hatte ich jetzt 2 Möglichkeiten:

1. alles medizinisch Machbare auszuschöpfen, um den Krankheitsverlauf aufzuhalten oder sogar zu stoppen. Dazu hätte eine Operation gehört, um noch einmal die Diagnose zu sichern, verschiedene Chemotherapien, z.T. experimenteller Natur, evtl. weitere experimentelle Therapien mit Antikörpern, immer wieder in verschiedenen Krankenhäusern, das Leben von der Krankheit bzw. Behandlung regiert. Kämpfen bis zum Schluß, die Aussicht auf Heilung unsicher.

2. mit einer lindernden Behandlung die Symptome weitgehend zu unterdrücken und ansonsten den Dingen Ihren Lauf zu lassen. Auf einen sinnlosen Kampf verzichten und sich einen schönen Tag machen, solange es noch geht.


Wir leben das Leben besser, wenn wir es so leben, wie es ist, nämlich befristet.

Peter Noll, Diktate über Sterben und Tod


Für die meisten Menschen - und die meisten Ärzte - kommt nur der erste Weg in Betracht. Aber meine Freiheit erschien mir wichtiger und ich mochte mir ein Leben in Krankenhäusern, an Infusionsflaschen, geregelt durch Therapiepläne, nicht vorstellen. Deshalb habe ich mich für die zweite Alternative entschieden. Ich habe jede Behandlung, die mit Angst, Schmerzen oder einem Krankenhausaufenthalt verbunden ist, abgelehnt.

Es kommt ja nicht nur darauf an, wie lange man lebt, sondern wie man lebt. Lebensqualität statt Lebensquantität. Das Wissen um den bevorstehenden Tod und die Zeit, die mir noch bleibt habe ich genutzt, um mich auf den Prozeß des inneren Wachstums zu konzentrieren. Ich habe versucht, meine Mitte zu finden, einen Halt in mir selbst, um reif zu werden zum Tode. Mit dieser Haltung habe ich bei vielen Menschen Angst und Ablehnung provoziert: Den Tod darf man doch nicht einfach akzeptieren. Darf man nicht?...

Bis November 1998 ging es mir gut, bis Ende April 1999 konnte ich mich mit der Krankheit so arrangieren, daß ich weiter meinem Beruf und meinen Interessen nachgehen konnte. Im Juli 1999 wurde ich terminal krank.

Bis zu dieser Zeit war ich nicht schwer beeinträchtigt und dafür bin ich dankbar. Es gibt Menschen, die sind blind oder taub oder verkrüppelt oder geistig behindert oder noch viel Schlimmeres und müssen damit ihr Leben lang zurechtkommen. Es gibt auch Menschen, die noch viel jünger sterben, sogar Kinder sterben schon an Krebs. Von daher stehe ich also gar nicht so schlecht da.

Ich kann auch dankbar sein dafür, daß ich weder Hunger noch Durst leiden mußte, keinen Krieg miterleben mußte und unter keinem totalitären Regime leben mußte. Ich habe es zu einem gewissen Wohlstand gebracht und kann mich zum Sterben in ein weiches Bett legen, versorgt mit den Segnungen unserer modernen Medizin, die manches Leiden zu lindern vermögen. Woanders auf dieser Welt verhungern und verdursten die Menschen, verrecken im Straßengraben oder sterben an den Folgen von Folter und Mißhandlung. Dies sollte jeder, der im Wohlstand lebt, niemals vergessen!

Allen, die diese Worte lesen, wünsche ich noch ein erfülltes und langes Leben in Gesundheit und Wohlstand.

Birgitta Meister