Ratgeber für den Umgang mit Ärzten

Herausgegeben von der

Selbsthilfgruppe MORBUS HODGKIN


Inhalt

Die Situation

Die Prinzipien der Behandlung

Der mündige Patient

Die "sprechende Medizin"

Die "gemeinsame Wirklichkeit"

Der gute Arzt

Die Gesprächsatmosphäre

Die Gesprächsvorbereitung

Die Gesprächspraxis

Der Umgang mit Problemen

Die Grenzen

Wenn Sie nicht wissen, was Sie fragen sollen

Wenn Sie Fragen an uns haben

Wenn Sie eine Selbsthilfegruppe suchen

Wenn Sie noch mehr lesen möchten


Die Situation

Krankenhäuser sind heutzutage riesige und für den Außenstehenden nur schwer durchschaubare Apparate. Kein Wunder, daß Gefühle des Ausgeliefertseins und der Angst aufkommen. "Was passiert denn hier eigentlich alles? Was geschieht mit mir? Ist das alles zu meinem Besten?" Daß man sich diese Fragen stellt, ist nur zu verständlich.

Den Ärzten begegnet man daher häufig mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Mißtrauen. Aber trotz der schwierigen Lage, in der man sich befindet, sollte man versuchen, den Ärzten gegenüber unvoreingenommen zu sein. Man kann sich sicher viel Ärger ersparen, wenn man nicht nur wie ein verängstigtes Karnickel den großen weißen Arztgott anstarrt, der einen sicher gleich auf die Schlachtbank befördert, sondern den Arzt in erster Linie als Menschen mit einem bestimmten Beruf ansieht.

Die Aufgabe des Arztes ist es, Krankheiten zu erkennen, zu heilen, Leiden und Schmerzen zu lindern und das Leben zu schützen. Er hat sich aus einem tieferen Beweggrund dazu entschlossen und einen Eid geschworen, dies zu tun, und zwar ohne Ansehen der Person. Der Patient ist krank, er hat sich dies nicht ausgesucht und ist auf die Hilfe des Arztes angewiesen.

Ärzte sind Menschen. Sie sitzen nur auf der angenehmeren Seite der Spritze. Es gibt gute, mittelmäßige und schlechte Ärzte. Welche Art von Arzt man vor sich hat, muß man für sich selbst herausfinden. Das ist subjektiv: ein Arzt kann für mich gut sein und für jemand anders nicht so gut. Wichtig ist, daß wir miteinander zurechtkommen. Dazu, wie man das herausfindet, sollen hier ein paar Hinweise folgen.


Die Prinzipien der Behandlung

Eine wichtige Grundlage für die Wiederherstellung der Gesundheit ist das Vertrauen zwischen Patient und Arzt. Das Verhältnis der beiden kann sich zwischen 2 Polen bewegen:


Arzt
Patient
Vorteile
zeit- und damit kostensparend; erfordert kaum menschliche Nähe zum Patienten.
Gefühl des Beschütztseins, wenn dem Arzt großes Vertrauen entgegengebracht wird.
Nachteile
erschwert den menschlichen Zugang zum Patienten; kann zu Frustrationen und dem Gefühl des Überfordertseins führen.
Gefühl des Ausgeliefertseins, wenn dem Arzt nicht so viel Vertrauen entgegengebracht wird.

Arzt
Patient
Vorteile
ermöglicht den menschlichen Zugang zum Patienten; kann den Arzt entlasten und die ärztliche Tätigkeit bereichern.
Gefühl der Autonomie, wenn der Patient gewohnt ist, selbständig Entscheidungen zu treffen.
Nachteile
zeit- und damit kostenintensiv; erfordert Einfühlungsvermögen und Geduld.
Gefühl des Überfordertseins, wenn der Patient sich mit Entscheidungen schwertut.

Beide Prinzipien haben Vor- und Nachteile. Man kann nicht ohne weiteres sagen, dieses ist gut oder jenes ist schlecht. Das hängt von der jeweiligen Situation ab und davon, was der Patient für ein Mensch ist. Auch die Persönlichkeit des Arztes spielt eine wichtige Rolle. Beide müssen gemeinsam die optimale Art des Umgangs finden. Nur so kann sich das nötige Vertrauen entwickeln.

Das reine Gehorsamsprinzip wird heutzutage als nicht mehr zeitgemäß angesehen. Ausgeliefert ist, wer sich ausliefert. Man soll sich Ärzten nicht bedingungslos ausliefern. Sie sind keine Halbgötter in Weiß.

Aus der Antike stammt der Spruch: "Der Arzt ist nur der Helfer, der Heiler ist die Natur".

Ärzte haben zwar das Know-How für eine wirksame Behandlung, aber sie schaffen nur Voraussetzungen. Für die Heilung ist die Mitwirkung des Patienten notwendig, der über "seine Natur" oft mehr weiß, als er zunächst glaubt. Nur wenige achten sorgsam auf sich oder beschäftigen sich gründlich mit sich selbst, solange "alles gesund" ist.


Der mündige Patient

Der Philosoph Immanuel Kant hat einmal gesagt: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen."

Der Gesetzgeber fordert vom Arzt die Aufklärung des Patienten. Gemeint ist damit die Mitteilung der Diagnose und Auskünfte über den zu erwartenden Nutzen und mögliche Risiken diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen. Wir sind alle "mündige Bürger". Dies bedeutet jedoch noch nicht immer, daß diese Form der Aufklärung den Patienten in die Lage versetzt, als "mündiger Patient" verantwortliche Entscheidungen über seine Behandlung treffen zu können.

Von vielen Ärzten wird eingewandt, ein Patient wünsche keine Aufklärung oder "Mündigkeit". Dies ist jedoch nur bedingt richtig. Jeder Mensch kann nur ein begrenztes Maß an schlimmer Wahrheit auf einmal ertragen. Wenn ein Patient etwas nicht wissen will, also Aufklärung ablehnt, heißt das nur, daß sein Auffassungsvermögen zu diesem Zeitpunkt eine Grenze erreicht hat. Sein Informationsbedürfnis wird sich erst mit der Zeit erweitern, und es ist die Aufgabe des Arztes, zum gegebenen Zeitpunkt darauf einzugehen.

Mündigkeit bedeutet Verantwortung. Ein mündiger Patient sein heißt, Verantwortung für das zu übernehmen, was mit dem eigenen Körper, dem eigenen Leben geschieht. Das Ganze ist eine völlig freiwillige Angelegenheit: Jeder Mensch hat das Recht, für sich selbst zu befinden, wieviel Verantwortung er selbst übernehmen möchte und wieviel er in die Hand des Arztes legen möchte. Dies ist keine Entscheidung für alle Zeiten: Er kann sich heute in dieser Situation so entscheiden und morgen in einer anderen Situation anders.

Zwischen Arzt und Patient besteht ein Hierarchiegefälle, bedingt durch Fachwissen und Informationsvorsprung des Arztes sowie durch seine Machtposition. Wenn man Eigenverantwortung wünscht, sollte man sich um ein partnerschaftliches Verhältnis zu seinem Arzt bemühen und versuchen, die Distanz zu verringern, das Gefälle ein wenig zu glätten.

Dazu muß man sich Informationen verschaffen: über Diagnose, Erkrankung, Therapie usw. Dies ist mitunter mit ziemlich viel Mühe und Arbeit verbunden. Zunächst wird man natürlich seinen Arzt fragen. Er steht aber als Informationsquelle nur eingeschränkt zur Verfügung, er hat oft nicht genügend Zeit, alles zu erklären; andererseits kann auch der Patient nicht alles behalten. Medizinische Zusammenhänge sind für den Laien oft sehr schwer zu verstehen. Man muß sich erst eine gewisse Grundlage erwerben: Hierzu kann man z.B. auf Bücher, Fachbroschüren und medizinische Zeitschriften zurückgreifen. Man kann Informationsveranstaltungen besuchen, andere Patienten mit der gleichen Erkrankung fragen und sich an eine Beratungsstelle oder Selbsthilfegruppe wenden. (siehe Kapitel "Wenn Sie eine Selbsthilfegruppe suchen")

Den Informationsvorsprung des Arztes wird man allerdings nicht ausgleichen können, schließlich kann man nicht auf die Schnelle Medizin studieren. Man wird sich also mit einem gewissen "Halbwissen" begnügen müssen; das kann aber sehr nützlich sein. Es sei allerdings darauf hingewiesen, daß es auch verunsichern kann, wenn man Zusammenhänge nicht vollständig begreift. Man muß also sorgfältig für sich abwägen, wieviel man wissen möchte und wieviel Verantwortung man selbst übernehmen will. Der Arzt bleibt der Fachmann - deshalb ist man ja zu ihm gegangen - und legt die große Linie der Behandlung fest. Wenn es Alternativen gibt, muß er sie aufzeigen. Wo man selbst Alternativen sieht, soll man dies zur Sprache bringen.

Man sollte versuchen, mit dem Arzt auf gleicher Ebene zu kommunizieren. Am besten gelingt das, wenn man sich vor einem Gespräch immer wieder sagt, daß man ein Mensch ist und die Würde und die Rechte eines Menschen in Anspruch nehmen kann. Man läßt dann nicht alles widerstandslos mit sich machen, sondern setzt sich in Situationen zur Wehr, die entwürdigend sind. Außerdem kann man ein Bewußtsein dafür entwickeln, daß ein Arzt auch von seinen Patienten lernen kann.


Die "sprechende Medizin"

Durch die zunehmende Technisierung und Spezialisierung in der modernen Medizin wachsen einerseits die Chancen, Krankheiten zu heilen, die früher nicht zu heilen waren. Andererseits kann eben diese moderne Medizin neue Leiden schaffen und sinnloses Leiden verlängern.

Der Medizinprofessor Paul Lüth sagte dazu: "Wo unsere moderne Medizin erfolgreich ist, in den schweren Fällen, ist sie stumm. Das Wort ist Schnörkel, Beilage, jedenfalls kein genuiner (ursprünglicher) Bestandteil der Therapie. Die Therapie ist averbal (wortlos). Das erzeugt das Unbehagen an der modernen, der erfolgreichen Medizin."

Die moderne Medizin hat sich soweit vom Zwischenmenschlichen entfernt, daß es notwendig war, den Begriff der "sprechenden Medizin" zu erfinden. Das Gespräch ist der einzige Weg zum vertrauensvollen Umgang zwischen Arzt und Patient. Es heißt ja auch "Sprechstunde" und nicht "Behandlungsstunde".

In der täglichen Praxis sind dem Gespräch zwischen Arzt und Patient jedoch Grenzen gesetzt. Ärzte haben oft zu wenig Zeit. Viele sind damit überfordert, sich in die Situation des Kranken hineinzuversetzen, ohne den Überblick über die sachlichen Zusammenhänge zu verlieren. Das Leiden des Patienten kann bei ihnen eigene Ängste auslösen. Die persönliche Einstellung des Arztes zu Krankheit, Sterben und Tod mag entscheidend dafür sein, ob ein wahrhaftiges und hilfreiches Gespräch zustande kommt oder nicht.

Wenn das Gespräch mit dem Arzt unbefriedigend verläuft, kann das verschiedene Ursachen haben. Einige davon sind:

  1. das bereits erwähnte Hierarchiegefälle, einerseits aufgrund der Machtposition des Arztes, andererseits aufgrund seines Informationsvorsprunges. Der Arzt könnte hier einen Ausgleich herbeiführen, indem er seine Informationen und Fähigkeiten als Hilfeleistung anbietet, daß er sich nicht fragt: Wieviel Information darf ich geben? Sondern: Welche Dinge muß ich unbedingt verschweigen? Der Unterschied erschient vielleicht gering, aber im zweiten Fall muß jedes einzelne Verschweigen ausdrücklich gerechtfertigt sein. Und Verschweigen ist ja keine Nebensächlichkeit, Verschweigen ist eine Form der Unterlassung - und nur in besonderen Ausnahmesituationen erlaubt.
  2. die Not und Angst des Patienten, besonders bei schweren, schwersten, unheilbaren Erkrankungen. Die Versuchung, den Arzt in die Rolle eines "allmächtigen Heilers, Ratgebers und Sinnstifters" hineinzudrängen, ist groß. Auch in extremen Krisensituationen ist Vertrauen unverzichtbar. Zuwenig Offenheit, Wahrheit und Aufklärung sind für die Vertrauensbildung ein größeres Risiko als ein eventuelles Zuviel.
  3. rechtliche Vorschriften: Gesetze, Verordnungen, Erlasse
  4. das Mißtrauen des Patienten in das Aufklärungswollen und -können des Arztes. Manche Ärzte lassen sich nicht gern "in die Karten schauen". Manche Patienten glauben, nicht alles zu erfahren, was wichtig ist.
  5. starke Werthaltungen des Arztes, z.B. Herrschsucht, Vorurteile, Intoleranz, religiöse Überzeugungen. Möglicherweise ist der Arzt nicht bereit, sich auf die vom Patienten gewünschte Art des Umgangs einzulassen. Das geschieht z.B., wenn der Arzt von seinen Patienten Gehorsam gewohnt ist, der Patient aber Selbstbestimmung fordert.
  6. Mangel an Beratungszeit, an Geduld, an der Fähigkeit, Dinge gut erklären zu können.
  7. Mängel und Einseitigkeiten in der Ausbildung des Arztes. Der "normale" Arzt ist nach dem Abschluß seiner Ausbildung psychologisch nur sehr schlecht geschult und hat selten so etwas wie ein "Gesprächstraining" genossen. Hinzu kommt, daß manche Ärzte (und Patienten) die Medizin für so etwas wie eine "exakte Wissenschaft" halten. Wenn das so wäre, könnte man den Menschen als Maschine betrachten, ließe sich das Phänomen "Leben" auf eine Summe biochemischer Vorgänge reduzieren. In Wirklichkeit sind noch zahlreiche andere Faktoren daran beteiligt, die zum größten Teil unbekannt sind.

Die "gemeinsame Wirklichkeit"

Eine viel häufigere Ursache für ein gescheitertes Gespräch ist, daß Arzt und Patient keine gemeinsame Wirklichkeit finden. Wirklichkeit ist nichts unbedingt Feststehendes; es kommt vielmehr auf den jeweiligen Standpunkt an, auf die Art, wie ein Mensch die Dinge wahrnimmt. Es passiert oft, daß der Arzt die Situation des Patienten aus einem ganz anderen Blickwinkel sieht.

Die Schaffung einer gemeinsamen Wirklichkeit bedeutet, daß sich der Arzt in die Erlebniswelt des Patienten einfühlen soll, die Wirklichkeit des Patienten so wahrnehmen soll, als ob er selbst betroffen wäre. Dies ist eine hohe Anforderung. Er muß dem Patienten sehr genau zuhören, um einen Einblick in seine Welt zu bekommen. Wenn ihm dies nicht gelingt, wird er außerstande sein, die Interessen und Bedürfnisse des Patienten zu berücksichtigen.

Für den Patienten bedeutet dies, daß er dem Arzt seine innere Welt nahebringen muß, möglichst in klaren und einfachen Worten. Wenn der Arzt die Sichtweise des Patienten nachvollziehen kann, wird er Verständnis signalisieren und die Haltung des Patienten akzeptieren. Das heißt nicht, daß er mit dem Patienten einer Meinung sein muß.


Der gute Arzt

Nach diesen recht theoretischen Ausführungen sollen einige praktische Überlegungen aus der Selbsthilfegruppe Morbus Hodgkin folgen, wie man denn nun einen guten Arzt findet:

Um herauszufinden, ob ein Arzt gut ist, muß man Fragen stellen: über die Krankheit, ihre Behandlung, seine Erfahrungen damit usw. Ein wirklich guter Arzt schafft es, eine gemeinsame Wirklichkeit herzustellen, ohne dabei den Überblick über die sachlichen Zusammenhänge zu verlieren. Er hört zu und kann sich soweit in den Patienten einfühlen, daß er diese Fragen auch dann zu beantworten versucht, wenn der Patient sie nicht völlig klar formulieren konnte. (Beispiele für Fragen gibt es im Kapitel "Wenn Sie nicht wissen, was Sie fragen sollen")

Ein guter Arzt weiß selber sehr viel, aber er zieht bei speziellen Themen und Problemen immer einen fachkundigen Kollegen hinzu. Ein arroganter Einzelgänger ist kein guter Arzt.

Wenn ein Arzt die Sorgen seiner Patienten ganz und gar zu seinen eigenen macht und abends mit nach Hause nimmt, wird er über kurz oder lang selbst krank. Er darf daher ruhig ein bißchen auf Distanz gehen, das ist sein Selbstschutz. Dafür darf man Ruhe und Ausgeglichenheit in brenzligen Situationen erwarten. Eine gute Arzt-Patienten-Beziehung wird durch "distanzierte Nähe" gekennzeichnet.

Ein guter Arzt darf auch schlimme Informationen nicht auf Dauer vor einem Patienten verbergen. Als Patient hat man ein Recht darauf, alles sofort zu erfahren, wenn man es so möchte. Ein Arzt muß mit solchen Situationen umgehen können und darf den Patienten in solchen Fällen nicht an Kollegen "abschieben" oder es gar einer Krankenschwester überlassen. Andererseits soll der Arzt erkennen und respektieren, wenn ein Patient keine Aufklärung wünscht oder damit überfordert ist. Er darf ihm die Wahrheit nicht aufdrängen, wenn der Patient (noch) nicht dazu bereit ist. - Wie man selbst verfahren möchte, sollte man mit dem Arzt möglichst früh vereinbaren.

Hinweis: Ärzte sind Menschen, und Menschen haben Fehler und Schwächen. Deshalb gibt es den perfekten Arzt, wie er oben beschrieben ist, vermutlich nicht. Es gibt aber einige Voraussetzungen, die Arzt und Patient gemeinsam schaffen können, um den Weg zu einem befriedigenden Gespräch und zu einer guten Behandlung zu ebnen.


Die Gesprächsatmosphäre

Das Gespräch zwischen Arzt und Patient sollte in einem geeigneten Rahmen stattfinden. Es liegt in der Verantwortung des Arztes, daß dieser Rahmen eingehalten wird. Wenn er dies nicht tut, sollte man ihn ruhig darauf aufmerksam machen.

Besonders wichtig ist, daß das Gespräch in einer ungestörten Umgebung stattfindet; darauf kann man bestehen. Gegen Unterbrechungen durch andere Personen oder das Telefon sollte man sich verwahren. Gespräche auf dem Flur, bei offener Tür oder im Vorübergehen sind nicht geeignet, wichtige Dinge zu besprechen.

Auch die räumliche Distanz und Position zwischen den Gesprächspartnern ist wichtig. Zu große Nähe wird als aufdringlich empfunden, zu große Entfernung als entfremdend. Als Faustregel gilt: 1 - 1½ m werden von den meisten Menschen als angenehm empfunden. Wenn der Arzt hinter seinem Schreibtisch sitzt und der Patient davor, wirkt der Tisch oft als Barriere zwischen beiden; außerdem gehört er zum "Revier" des Arztes, in das der Patient nicht eindringen darf. Günstiger ist eine Sitzposition "über Eck", bei der der Patient seitlich neben dem Tisch sitzt. Wenn möglich, sollte man eine angenehme Distanz einfach dadurch herstellen, daß man seinen Stuhl in eine geeignete Position rückt. Die Augenhöhe der Gesprächspartner sollte gleich sein, eine tiefere Position kann ein Gefühl der Unterlegenheit auslösen.

Vor allem bei der Visite werden diese Regeln oft gründlich mißachtet: Schlechter Stil ist es, wenn der Arzt sich an das Fußende des Bettes stellt und sich mit beiden Händen abstützt. Ein Arzt, der dies tut, hält eine zu große Distanz zum Patienten und nimmt gleichzeitig eine dominierende Haltung ein. Man sollte ihn dazu auffordern, sich neben das Bett zu setzen: Die Distanz ist geringer und die Gesprächspartner befinden sich etwa auf gleicher Höhe.

Ein Gespräch sollte nicht unter Zeitdruck stattfinden. Dadurch werden oft beide Gesprächspartner blockiert, und es kommt kein Ergebnis dabei heraus. Wenn man Zeitdruck wahrnimmt, sollte man das Gespräch lieber auf später verschieben.

Die Gesprächspartner sollten sich um eine Atmosphäre des Vertrauens, der Offenheit und Aufgeschlossenheit bemühen, dem jeweiligen Gegenüber konzentriert zuhören und Verständnis erkennen lassen. Auch bei gegensätzlichen Meinungen kann das Gesprächsklima frei von Aggressionen und unnötigen Emotionen bleiben.

Im optimalen Gespräch befinden sich die Partner sowohl sachlich als auch gefühlsmäßig auf einer Ebene und in einer gemeinsamen Wirklichkeit. Beide profitieren: Der Patient, weil er sich mit seinem Problem angenommen fühlt, und der Arzt, weil ihm so der Zugang zu den notwendigen Informationen erleichtert wird.


Die Gesprächsvorbereitung

Der Arzt muß in der heutigen Zeit seine Arbeit oft unter großem Zeitdruck ausüben. In Krankenhäusern und Praxen herrscht Hochbetrieb. Darum sollte man die Zeit mit dem Arzt möglichst ökonomisch gestalten und das Gespräch etwas vorbereiten:


Die Gesprächspraxis

Jetzt noch eine ganze Reihe praktischer Tips für das Gespräch, von denen Sie sich die heraussuchen mögen, die Ihnen hilfreich erscheinen:


Der Umgang mit Problemen

Gerade bei belastenden Therapien, die sich über eine längere Zeit hinziehen, wie eine Chemotherapie, ist das Verhältnis zwischen Arzt und Patient sehr wichtig. Wenn man mit einem Arzt nicht zurechtkommt, ihm nicht vertraut oder merkt, daß er nicht viel mit einem anzufangen weiß, kann man ihm das durchaus sagen. Ein guter Arzt wird das nicht übel nehmen, evtl. sogar dankbar sein. Er wird versuchen, das Problem zu klären und, falls dies nicht gelingt, einen Kollegen für die weitere Betreuung empfehlen. Stellt sich heraus, daß der Arzt in seiner Eitelkeit gekränkt ist, war der Entschluß zu einem Wechsel sicher nicht falsch. Man ist dann zwar in einer unerfreulichen Situation, weil man mit einer gewissen Vorbelastung zu dem neuen Arzt kommt; aber dies ist immer noch besser, als weiterzumachen wie bisher und damit gesundheitliche Schäden zu riskieren. Und sei es nur auf psychischer Ebene, weil das Vertrauen fehlt.

Wenn im Umgang mit einem Arzt Probleme auftreten, kann man auch andere Patienten ansprechen, um herauszufinden, ob man diese Probleme nur alleine hat oder ob evtl. auch die anderen Schwierigkeiten haben. Eine Selbsthilfegruppe kann hier besonders gut weiterhelfen. In Krankenhäusern gibt es die Einrichtung des Patientenfürsprechers. An ihn/sie kann man sich wenden, wenn man sich beschweren möchte oder wenn man jemanden braucht, der bei schwerwiegenden Meinungsverschiedenheiten ein vermittelndes Gespräch führt.

Trotz aller Bemühungen kann es passieren, daß Arzt und Patient einfach nicht zueinander finden, daß "die Chemie nicht stimmt". Dann kann man in letzter Konsequenz immer noch von dem Recht Gebrauch machen, den Arzt zu wechseln.


Die Grenzen

Auch der beste Arzt kann keine allumfassende Betreuung leisten. Deshalb empfiehlt es sich für jeden, sich - auch bei stationärem Aufenthalt - noch anderweitig zu informieren und Unterstützung bei Familie, Freunden, Selbsthilfegruppen, sozialen Einrichtungen, Seelsorgern oder Psychologen zu suchen.


Wenn Sie nicht wissen, was Sie fragen sollen

Es ist leichter, die richtigen Antworten zu bekommen, wenn man gezielt fragt. Wir haben hier eine ganze Menge Fragen gesammelt, die man Ärzten stellen kann. Suchen Sie sich aus dem folgenden Fragenkatalog einfach die Fragen heraus, die auf Sie zutreffen und auf die Sie eine Antwort haben möchten:

  • Welche Erkrankung habe ich genau?

  • Wie lautet der medizinische Fachausdruck dafür?

  • Ist diese Erkrankung heilbar?

  • Wie kann man meine Erkrankung behandeln?

  • Gibt es mehrere Therapiemöglichkeiten?

  • Gibt es Therapiemöglichkeiten außerhalb der Schulmedizin?

  • Wie wirksam sind die unterschiedlichen Therapien?

  • Welchen Nutzen bringen mir die einzelnen Therapien?

  • Mit welchen Risiken sind die einzelnen Therapien verbunden?

  • Welche Therapien werden von der Kasse bezahlt?

  • Wie beurteilen Sie meine persönlichen Heilungschancen?

  • Können Sie mir einen Arzt oder ein Krankenhaus vorschlagen, in dem ich eine zweite Meinung einholen kann?

  • Kann ich mit anderen Patienten sprechen, die die gleiche Erkrankung haben?

  • Kennen Sie eine Selbsthilfegruppe, an die ich mich wenden könnte?

  • Was kann ich selbst tun, um meine Behandlung zu unterstützen?

  • Welche Vorschläge haben Sie für meine Ernährung?

  • Welche Art von körperlichem Training empfehlen Sie?

Wenn Sie an einer chronischen Erkrankung leiden:

  • Wie wird sich die Erkrankung auf mein Leben auswirken?

  • Werde ich meinen Beruf weiter ausüben können?

  • Werde ich weiter meinen Hobbies nachgehen können?

  • Werde ich ständig Medikamente benötigen?

Wenn Sie an Krebs erkrankt sind:

  • Um welchen Krebstyp handelt es sich genau?

  • Wächst er eher schnell oder langsam?

  • Wo sitzt der Tumor?

  • Wie groß ist er?

  • Hat sich der Krebs schon im Körper ausgebreitet (Tochtergeschwülste gebildet)?

  • Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es (Operation, Strahlentherapie, Chemotherapie, Hormontherapie, Immuntherapie...)?

  • Wie wirksam sind die einzelnen Therapien? Wie groß ist die Heilungswahrscheinlichkeit?

  • Wie ist Heilung hier definiert (5 Jahre krankheitsfreie Zeit oder längere Zeiträume)?

  • Wenn keine Heilung zu erwarten ist, kann die Therapie mein Leben verlängern? Um Monate oder Jahre?

  • Welche Vorteile bringt die Behandlung sonst? Linderung der Symptome? Weniger Schmerzen?

  • Wie hoch ist der Prozentsatz derer, die von der Therapie profitieren - 25, 50, 75 %? Wie wird der Vorteil gemessen?

  • Können Sie mir einen Psychotherapeuten empfehlen, der Erfahrung mit Krebsbetroffenen hat?

  • Wenn Sie noch andere Krankheiten haben: Wie wirkt sich die Behandlung meiner Krebserkrankung auf die anderen Erkrankungen aus? Sind Wechselwirkungen bei den Medikamenten zu erwarten?

Wenn der Arzt Ihnen eine Operation vorschlägt:

  • Wie umfangreich wird die Operation sein, welche Körperteile/Organe werden dabei entfernt?

  • Welche Komplikationen können dabei und danach auftreten?

  • Mit welchen Konsequenzen für mein weiteres Leben muß ich rechnen?

  • Kann die Operation bleibende Schäden hinterlassen?

  • Was passiert, wenn ich mich nicht gleich operieren lasse?

  • Was geschieht, wenn ich mich überhaupt nicht operieren lasse?

Wenn der Arzt Ihnen eine Behandlung mit Medikamenten vorschlägt:

  • Wie lange muß ich diese Behandlung durchführen? Mein Leben lang?

  • Mit welchen Nebenwirkungen ist die Behandlung verbunden?

Wenn der Arzt Ihnen eine Chemotherapie vorschlägt:

  • Wie viele Therapiezyklen sind geplant?

  • Wie lange wird jeder einzelne Zyklus dauern?

  • In welchem zeitlichen Abstand werden die Therapien durchgeführt?

  • Kann die Therapie ambulant durchgeführt werden oder ist ein Krankenhausaufenthalt erforderlich?

  • Kann ich während der Therapie meinen Alltagsbeschäftigungen nachgehen? Wie steht es mit Arbeit, Sport, Sexualität?

  • Welche Nebenwirkungen und Komplikationen können dabei und danach auftreten? Wie schwerwiegend sind sie?

  • Bei welchem Prozentsatz der Patienten treten sie auf?

  • Wann treten Sie auf? Sofort, nach Stunden oder Tagen? Oder vielleicht erst nach Monaten oder Jahren?

  • Gibt es Medikamente gegen die Nebenwirkungen?

  • Verursachen diese Medikamente selbst Nebenwirkungen?

  • Mit welchen Folgeschäden muß ich rechnen?

  • Kann ich durch die Behandlung unfruchtbar werden?

  • Was passiert, wenn ich keine Chemotherapie mache?

Wenn der Arzt Ihnen eine Strahlentherapie vorschlägt:

  • Welcher Bereich des Körpers soll bestrahlt werden?

  • Wie lange wird die Behandlung dauern?

  • Welche bleibenden Schäden können auftreten?

  • Gibt es eine Möglichkeit, bleibende Schäden zu verhindern?

  • Was passiert, wenn ich keine Strahlentherapie mache?


Wenn Sie noch Fragen haben

oder vertiefende Erklärungen zu diesem Ratgeber wünschen, nehmen Sie Kontakt mit uns auf:

Veronika Dick
Erkesstr. 43
50737 Köln
Tel. 0221 / 5 99 19 68
e-Mail:
shg@morbus-hodgkin.de

Wenn Sie eine Selbsthilfegruppe suchen

Da auch diese Adressen veraltet waren, wurden sie gestrichen.

Wenn Sie noch mehr lesen möchten

haben wir ein paar Büchertips für Sie:Zum Verhältnis Arzt - Patient:

Rolf Verres
Die Kunst zu leben
Serie Piper

Anne-Marie Tausch
Gespräche gegen die Angst
Rowohlt

Zum Thema zwischenmenschliche Kommunikation:

Samy Molcho
Körpersprache
Goldmann

Thomas A. Harris
Ich bin o.k - Du bist o.k.
Rowohlt


Morbus Hodgkin Homepage