Send me an angel...

Die folgende Geschichte ist die Fiktion einer Medizin von morgen, die hoffentlich nie Wirklichkeit wird. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und wahren Begebenheiten sind Anlaß zur Besorgnis...

Es war zwar schon recht spät, aber die Sonne stand noch hoch genug über den Bäumen. Der Weg durch den Wald war viel kürzer, er würde ihn locker vor Einbruch der Dämmerung schaffen. Niemand wußte, wie sehr die Dunkelheit ihn ängstigte. Deshalb fuhr er abends immer durch die Stadt, wo die Straßen hell beleuchtet waren, obwohl der Weg viel weiter war. Aber jetzt war es ja noch hell...

Was für ein Tag ! Rolf Fabian war etwas angeschickert und sehr zufrieden mit sich. Passend zu seinem 10-jährigen Jubiläum bei Pharma West hatten sie die Zulassung für das neue Medikament bekommen. Da mußten natürlich die Sektkorken knallen.

Es war schwer gewesen, wieder nach oben zu kommen. Er hatte zwar damals die Märkischen Chemiewerke vor dem Ananas-Skandal verlassen, trotzdem war sein Name damit in Verbindung gebracht wurden. Eine kurze glückliche Zeit, als die Familie wieder zusammen war. Dann die Nächte, in denen er an Evas Bett gesessen hatte, als kein Arzt mehr Rat wußte. Er konnte nur ihre Hand halten und zusehen, wie ein seltenes Virus sich über ihre Hirnhäute hermachte. Zu selten, als daß es sich gelohnt hätte, ein Medikament dagegen zu erfinden. Er dachte, daß es für einen Biochemiker nützlichere Beschäftigungen geben mußte als die Zucht von genmanipulierten Ananas, die auf Sandboden wachsen. Und begann, alles über Viren zu lernen...


Nur wer an Wunder glaubt, ist Realist

David Ben-Gurion


Eva war zäh, sie erholte sich langsam. Ihr Intellekt trug glücklicherweise keinen Schaden davon, aber eine gewisse körperliche Schwäche blieb zurück. Bevor sie krank wurde, war Marathon ihre Distanz, sie wollte Sport studieren. Jetzt mußte sie sich auf’s Spazierengehen beschränken und studierte Betriebswirtschaft.

Fabian fand inzwischen eine Stelle in einem Forschungslabor. Man untersuchte ein neues Virus, das vor 3 Jahren plötzlich aufgetaucht war. Es war ein richtiger Killer: Die Infektion begann ganz harmlos, die Leute fühlten sich grippig, die Lymphknoten wurden dick, dann magerten sie ab und starben. Meist innerhalb weniger Monate, aber einige lebten auch länger und wenige wurden sogar wieder gesund - sehr wenige. Man hatte zunächst eine Art Krebs vermutet und die Leute mit Chemotherapie behandelt, aber das machte alles nur noch schlimmer. Interferon brachte gute Erfolge, führte aber nicht zur Heilung und mußte lebenslang gegeben werden. Die Leute waren zwar beschwerdefrei, aber das Medikament war so teuer, daß der Eigenanteil sie ruinierte.

Schließlich war es gelungen, das Virus zu isolieren. Wegen seiner einzigartigen Form und Struktur nannte man es erstmal das Teebeutel-Virus, kurz TBV. (Was in der Öffentlichkeit Verwirrung stiftete und dazu führte, daß die Leute nur noch lose abgepackten Tee kauften)

Das erste, was Fabian herausfand, war der Infektionsweg: Übertragen wurde das TBV natürlich nicht durch Teebeutel, sondern durch Briefmarken, genauer gesagt durch deren Anlecken. Das Virus ging außerhalb des Körpers innerhalb kürzester Zeit zugrunde, aber im Klebstoff auf der Rückseite der Briefmarke konnte es längere Zeit überleben. Blieb noch zu klären, wie das Virus auf die Briefmarke kam...

Doch bevor er das herausfinden konnte, war sein Vertrag ausgelaufen. Die Stelle war aus öffentlichen Mitteln finanziert und nur befristet.

Wenig später griff die Pharma West das Projekt auf und stellte ihn als Virusspezialisten ein, um an der Entwicklung eines Medikamentes gegen das TBV mitzuarbeiten. Es folgten Jahre harter Arbeit, durchgemachter Nächte, endloser Stunden am Computer. Aber sie hatten Erfolg: Die TBV-Infektion war heilbar geworden ! Leider hatte die Sache einen kleinen Haken: Die Behandlung hatte so schlimme Nebenwirkungen, daß die Leute Todesängste ausstanden. Einige sind tatsächlich gestorben, andere brachen die Behandlung ab oder nahmen sich das Leben. Aber die übrigen wurden das Virus los. Das Zeug war phantastisch, es brachte Tod oder Heilung. Die Krankenkassen waren begeistert und gaben Geld, was einigermaßen selten vorkam.

Die Frage, wie das Virus auf die Briefmarken kam, würde man vielleicht später untersuchen, wenn die Entwicklungkosten für das neue Medikament wieder herein wären...

Um die Objektivität der Studie zu gewährleisten, waren die Ärzte und das Pflegepersonal angewiesen, auf eine möglichst große Distanz zu den Probanden zu achten. Man sollte sich für kranke Leuten ohnehin keine Gefühle leisten, das konnte einem wehtun. Menschliche Zuwendung wäre auch viel zu teuer gewesen, schließlich hatte man schon Millionen in die Entwicklung dieses Medikaments gesteckt. Mehr Personal konnte man einfach nicht bezahlen.

Als sich die Krankenkassen beteiligten, hatte Fabian mal die Idee gehabt, von dem Geld einen Psychotherapeuten oder Seelsorger einzustellen. Aber er hatte es dann wieder vergessen und der Betrag war dazu benutzt worden, die Zulassung voranzutreiben. Die Leute würden schon irgendwie damit fertig werden, schließlich waren sie ja geheilt.

Jedenfalls war das Zeug endlich zugelassen und er fühlte sich als Retter der Menschheit....


Das Recht auf Erkenntnis ist verbunden mit der Pflicht, ganz viel zu lernen ohne dabei unsere menschliche Güte zu vergessen.

David Rastovski


Er sah auf das Armaturenbrett und wunderte sich: der Temperaturzeiger stand im roten Bereich. Noch bevor sich zu Ende wundern konnte, quoll eine dicke Wolke süßlich schmeckenden Qualms unter der Motorhaube hervor und nahm ihm die Sicht. Er fuhr auf den Seitenstreifen. Inzwischen wurden ihm die Zusammenhänge klar: der Motor kochte. Er hatte mal gehört, daß man dann nicht mehr weiterfahren soll. Sinnlos, die Haube zu öffnen, er hatte von dem, was darunter war, sowieso keine Ahnung. Die Sonne stand knapp über den Bäumen und er wurde unruhig. Er würde sich ein Taxi rufen und die Werkstatt benachrichtigen. Er griff in seine Tasche, dann in die andere....er hatte sein Mobiltelefon auf dem Schreibtisch liegenlassen. Er stellte sich an den Straßenrand und winkte, aber es war nicht mehr viel Verkehr und die Leute hatten es eilig...

Es wurde schattig und er kämpfte eine Welle der Angst nieder. Ein knallrotes Motorrad kam schnell um die Kurve, zu schnell. Die Fahrerin trug eine schwarze Lederkombi und flatterte wie wild mit den Flügeln. Sie verhinderte in letzter Sekunde einen Sturz und kam mit quietschenden Reifen vor ihm zum Stehen. Sie faltete ihre Flügel wieder ordentlich zusammen und stellte die Maschine auf den Ständer. Auf dem Tank war auch ein Flügel aufgemalt, darunter ein Schriftzug....HONDA.

"Sie müssen entschuldigen, ich habe noch nicht so viel Übung. Aber das ist einfach cool, cool, cool...", kicherte sie.

"Sie wären um ein Haar gestürzt", erwiderte er.

"Ach was...", lachte sie und setzte den Helm ab.

Fabian packte das schiere Entsetzen. Vor ein paar Monaten hatte er eine junge Frau in der Studie. Aber sie hatte die Nebenwirkungen nicht ausgehalten und die Teilnahme abgebrochen. Sie fing wieder mit dem Interferon an, aber es half wohl nichts mehr und sie starb. Er war ihr genauso kühl und distanziert begegnet wie den übrigen Probanden, aber aus irgendeinem Grund, den er nicht verstand, hing sie an ihm wie eine Klette. Es sah fast so aus, als liebte sie ihn. Jedenfalls ging sie ihm maßlos auf den Kräcker und er war erleichtert, als sie eines Tages verschwunden war. Als er erfuhr, daß sie tot war, fühlte er sich schuldig. Er hatte sich bemüht, diese Person möglichst schnell zu vergessen, aber jetzt stand sie vor ihm, zweifelsfrei.


Wenn ich tot bin, darfst Du garnicht trauern.
meine Liebe wird mich überdauern
und in fremden Kleidern Dir begegnen
und Dich segnen...

Joachim Ringelnatz


"Vielleicht sollte ich mich mal vorstellen. Ich bin Anke, Ihr Schutzengel."

Das war ihr Name gewesen. Eine Nervensäge als Schutzengel, ihm blieb aber auch nichts erspart.

"Angenehm, Fabian." er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

"Ich weiß, ich habe Sie von meiner Vorgängerin übernommen. Es war ihr zuviel geworden, deshalb ist sie vorübergehend in die Buchhaltung versetzt worden."

"???"

Er wußte gar nicht, daß er überhaupt einen Schutzengel hatte.

"Sie sind ihr nie begegnet, hm ? Sie war sehr distanziert. Ich schätze mehr die Nähe zu meinen Klienten."

"Sie machen das wohl noch nicht so lange ?" fragte er und dachte ‘Unprofessionell...’.

"Nee, erst ein paar Monate. Ich hatte tierisch Muskelkater vom Fliegen, deshalb habe ich letzte Woche von der Geschäftsleitung dieses tolle Dienstfahrzeug bekommen. Die Kombi mußte natürlich etwas geändert werden, damit die Flügel rausgucken. Jetzt brauche ich nur noch ein bißchen Training."

Es war jetzt fast dunkel im Wald.

"Ich möchte nach Hause ", sagte er.

"Klar, möchten Sie ein Taxi rufen, oder soll ich Sie hinfahren", sie hielt ihm ihr Handy hin.

Bis das Taxi kam, würde es ganz dunkel sein.

"Ich möchte mit Ihnen fahren." Er mußte verrückt sein, sich hinter diese Kamikaze-Fahrerin auf ein Motorrad zu setzen.

Sie gab ihm den Helm, der an der hinteren Sitzbank befestigt war.

"Sie brauchen keine Angst zu haben, ich passe auf Sie auf, schließlich bin ich ein Schutzengel."

‘Fahren Sie mit einem sicheren Gefühl !’ dachte er und stieg auf.

"Halten Sie sich gut fest." Sie zog seine Arme um ihren Körper. "Und zerdrücken Sie mir nicht die Federn."

Und sie fuhren aus dem immer dunkler werdenden Wald hinaus in den Sonnenuntergang. Er klappte das Visier hoch, um den Duft des Sommerabends zu genießen, aber ihre Federn kitzelten ihn so in der Nase, daß er niesen mußte.

Als sie ihn vor der Haustür absetzte, war es ganz dunkel. "Alles in Ordnung ?" fragte sie und er nickte.

"Ich warte noch, bis Sie drin sind und das Licht angemacht haben."

Er sah sie an. ‘Engel wissen wohl alles’ dachte er.

"Es ist nicht die Dunkelheit. Es sind die dunklen Seiten Ihres Lebens, wovor Sie Angst haben..."

"Wie meinen Sie das ?"

"Naja, Triebe, Instinkte, Gefühle und so..."

Ihn schauderte. Das waren Dinge, die sich mit dem Verstand nicht erfassen ließen. Sowas hatte er nicht so gerne. Natürlich hatte auch er Gefühle, hin und wieder wenigstens. Das durfte aber keiner merken. Er hatte sich immer unter Kontrolle. Dorothea hatte ihn liebevoll "mein kleiner Kühlschrank" genannt. - Bevor sie aus seinem Leben verschwand...

Birgitta Meister


Morbus Hodgkin Homepage