Ausflüge an die Grenzen der Existenz...

VON BIRGITTA MEISTER

Eine lebensbedrohende Krankheit führt uns immer an die Grenzen unserer Existenz, manchmal auch darüber hinaus. Es kann ein kurzer Ausflug oder eine lange Reise werden, von der einige nicht mehr wiederkommen. Aber wenn man zurückkehrt, ist das Leben nie wieder so wie vorher.

Wir haben schlimme Dinge erlebt. Wir waren "dort". Manche haben nur einen scheuen Blick auf den Zaun geworfen. Andere sind etwas näher herangegangen, haben vielleicht sogar einen Blick auf die andere Seite riskiert. Einige haben auch ein paar Schritte ins Niemandsland gewagt, um dann wieder umzukehren.

Wir haben aber auch unsere Fähigkeit erfahren, einige unserer Grenzen zu überwinden, zu einer inneren Haltung zu gelangen, die uns früher unerreichbar erschienen wäre. Daraus entwickelt sich eine völlig neue Einstellung zum Leben. Der folgende Brief versucht, solch ein Lebensgefühl in Worte und Bilder zu fassen.

Lieber Reiseleiter !

Die Ferien in Ihrem Club sind nun schon eine ganze Weile her und Sie fehlen mir sehr. Ich habe den Aufenthalt bei Ihnen genossen. Die Appartements sind komfortabel und der Zimmerservice vorzüglich. Nur das Essen ist so lala. Vielleicht sollte die Geschäftsleitung mal über die Einrichtung eines Buffets nachdenken...

Am besten finde ich, daß Sie Ihre Gäste auf ihren Ausflügen nicht alleine lassen, so wie der Club, in dem ich vorher war. Sie schicken dort die Leute ziemlich nah an den Zaun, passen dann nicht auf und, schwups, ist wieder einer drübergesprungen und will nicht mehr zurück. Ich wollte zuerst auch drüberspringen, es schien ganz leicht zu sein, aber dann wollte ich doch nicht. Und Sie sind sowieso nicht von meiner Seite gewichen und haben aufgepaßt, daß ich’s nicht noch mal probiere.

Aber jetzt habe ich mir fest vorgenommen, das nächste Mal wieder ganz normal Urlaub zu machen.


Komm und sei bei mir, wenn die bösen Träume mein waches Leben überschatten.


Letztens habe ich in so einem Klatschblatt wieder eine dieser schmalzigen Geschichten gelesen, bei denen man mindestens eine Packung Papiertaschentücher vollheulen soll:

Leben im Schatten einer tödlichen Krankheit

Wieso eigentlich im Schatten? Jetzt im Juli knallt den ganzen Tag die Sonne von strahlendblauen Himmel und es ist knackewarm. Baggerlochwetter. Sich treiben lassen, in der Sonne trocknen, die Haut riecht nach brackigem Wasser (Hallo, Immunsystem, bist Du noch da?).

In meiner Dachwohnung ist es nicht auszuhalten. Die Luft gerinnt zu Gelee. Abends nehme ich Schlafsack und Kissen und gehe in den Garten. Der Alte regt sich immer tierisch darüber auf, daß morgens das Gras plattgedrückt ist, aber das ist mir egal. Schließlich richtet es sich von ganz alleine wieder auf...

Die große Kiefer in unserem Garten verbreitet bei der Wärme einen betäubenden Duft. Irgendwo bei der Terrasse singt eine Zikade und es ist fast wie am Mittelmeer.

Die Katze plumpst mit einem Seufzer neben mir ins Gras. Ihr ist es auch zu warm. Seit ich aus Ihrem Club zurück bin, weicht sie nicht mehr von meiner Seite.

Als ich gemerkt habe, daß ich krank bin, hat das natürlich nicht gerade den Sonnenschein in mein Leben gebracht. Aber eigentlich ist mir nur bewußt geworden, was für uns alle gilt: Das Leben ist endlich. Der Countdown läuft, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde...


Der Tod ist uns gewiß. Warum sollen wir nicht heiter sein.

Abbé Galiani


Ich muß oft an den Tod denken, gerade dann wenn das Leben besonders schön ist, wie an diesen Abenden. Es ist nichts Schreckliches mehr daran, aber ich bleibe lieber noch eine Weile auf dieser Welt. Die Sonne geht unter und auf dem blaublau des Himmels schwimmt der erste Stern. Blue Hour, Magic Time. Dann liege ich auf dem Rücken, gucke zu, wie die Sterne aufgehen und denke, daß wir nur Staub im Universum sind und unser Leben ein Lidschlag der Ewigkeit.

Bestimmt kennen Sie "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry? Er brauchte den Biß der Schlange, um nach Hause auf seinen Stern zu kommen. Ob ich wohl auch so einen Stern habe, zu dem ich fliegen kann?

Wenn ich wachwerde, ist es meistens noch dunkel. Kühl ist es geworden. Ich bin müde und meine Schulter tut mir oft weh. Ob das wirklich nur verspannte Muskeln sind? Mir fällt ein, was hinter mir liegt und die Angst sagt "Guten Morgen". Der kleine Prinz hatte auch Angst, aber er ist trotzdem seinen Weg gegangen.


Es kommt nicht darauf an, was man erlebt hat, sondern wie stark man dabei empfunden hat..


Am liebsten würde ich ins Bett krabbeln. Aber jetzt kann ich sowieso nicht mehr einschlafen. Statt dessen fange ich das Grübeln an und liege dann bis Mittag heulend im Bett.

Ich frage oft: "Warum gerade ich?" Ich suche immer noch nach Schuld: "Was habe ich falsch gemacht?" Auch Freunde tun das: "Die viele Arbeit, du hast dir ja nie genug Ruhe gegönnt." "Immer diese Pommes und Hamburger, du hättest dich mal gesünder ernähren sollen."

Das ist grausam. Jeder Mensch kann nur nach seinen eigenen Prämissen leben. Sie haben mir nie Vorwürfe gemacht. "Es ist nicht Ihre Schuld", haben Sie gesagt. Krank werden, ja sogar sterben ist etwas, was einem einfach passieren kann...

Also lieber aufstehen. Eigentlich müßte ich ja arbeiten gehen. Aber jetzt, wo es so heiß ist, ist der frühe Morgen die schönste Zeit zum Ausreiten. Man soll vom Leben fordern...

Wir gehen zum Fluß, der aufgehenden Sonne entgegen, die wie eine riesige Mandarine über den Pappeln steht. Wenn der Dicke das Gras auf dem Uferweg unter seinen Hufen spürt, schlägt er einen munteren Galopp an. Geschmeidig folgt mein Körper seinem Rhythmus. Der Traum von der vollkommenen Einheit wird für einige Augenblicke Wirklichkeit und ich spüre das Gras unter meinen Füßen. Müdigkeit, Schmerzen und Angst sind vergessen.

Der Wind fährt durch meine Stoppelhaare... Ein paar Enten flüchten ins Wasser, ein Reiher schwebt davon, über uns der Schrei eines Falken.


Reiten ist Wille ins Weite, ins Unendliche. Wenn deine Seele, eins mit der Kraft deines Pferdes, hinausgetragen in den Morgen und die Sonne, etwas anderes vor sich sieht als die Unendlichkeit und das Glück, so begreift sie die Fülle des Geheimnisses nicht.

Rudolf G. Binding


Wieder muß ich an den Tod denken; meine Seele würde sich in einen Falken verwandeln und geradewegs zu den Wolken fliegen...

Statt dessen fliege ich fast ins Wasser, weil ich wieder träume. Wenn wir an der Stelle sind, wo man baden kann, macht der Dicke eine Vollbremsung, springt mit einem Satz ins Wasser und planscht ausgelassen herum, bis wir beide klitschnaß sind.

Träumen ist wichtig. Jeder Mensch braucht, um zu leben, seinen Traum und den Mut, ihn wahr zu machen. Das Reiten ist mein Traum, der mich ans Leben fesselt, den ich geträumt habe, als ich nur im Bett liegen konnte und der Gang zum Klo körperliche Schwerstarbeit war, selbst auf der Intensivstation hat er mich nicht verlassen.

Es hat immer wieder Leute gegeben, die gemeint haben, ich solle das Reiten aufgeben. Wer einen Traum aufgibt, stirbt. Ich glaube, Sie haben das verstanden. Sie verstehen überhaupt viel mehr, als ich Ihnen am Anfang zugetraut hätte. Sie haben ein feines Gespür dafür, was ein Mensch nötig hat und, wenn möglich, sorgen Sie dafür, daß er es bekommt. Das nenne ich einen erstklassigen Service. Nur manchmal scheinen Sie soweit weg zu sein. Wahrscheinlich ermöglicht diese Distanziertheit es Ihnen überhaupt erst, Ihre Arbeit so gut zu tun.

Wenn wir zurück zum Hof kommen, wird es schon wieder warm. Zeit, ins Büro zu fahren, dort ist es bei dem Wetter erträglich.

Nach dem Aufenthalt bei Ihnen bin ich ziemlich schnell wieder arbeiten gegangen. Es geht mir gut dort, ich bin unter Leuten und kann nicht so viel über schlimme Dinge nachdenken.

Manchmal ist es natürlich auch stressig. Letzte Woche hatte ich einen wirklich schwierigen Fehler in meiner Software. Das ist eigentlich normal. Computerprogramme haben immer Fehler. Aber ich habe gesucht und gesucht und die Geschäftsleitung wollte andauernd wissen, wann wir endlich liefern können. Dann hat mir noch ein Kollege geholfen und Freitag mittag hatten wir’s dann endlich.

Ich stelle ziemlich hohe Ansprüche an mich selbst, auch heute noch. Bevor ich krank geworden bin, wäre ich am liebsten unfehlbar gewesen. Eine Reklamation der Geschäftsleitung hätte eine mittlere Lebenskrise bei mir ausgelöst. Aber inzwischen sehe ich das etwas gelassener. Menschen machen halt Fehler. Und da Computerprogramme von Menschen gemacht werden...


Wir werden vom Schicksal hart oder weich geklopft, es kommt auf das Material an.

Marie von Ebner-Eschenbach


Ich weiß nicht, ob Sie es gemerkt haben, aber ich habe Sie gern bei der Arbeit beobachtet. Das war interressant, lehrreich und unterhaltsam. Faszinierend war immer wieder die Wahl Ihrer Krawatte. Das macht Ihnen so schnell keiner nach. Ich habe mir abgeguckt, die Dinge aus einem gewissen Abstand zu sehen. Außerdem habe ich, weil Ihre Zeit oft knapp ist, gelernt, eine Sache mit wenigen Worten auf den Punkt zu bringen. Diese Kombination hat mir zunächst einmal den Ruf eingetragen, eingebildet zu sein. Ich bemühe mich aber auch, die Gedanken und Gefühle meiner Mitmenschen nachzuvollziehen. Und als die Leute gemerkt haben, daß ich nur versuche, objektiv wie einfühlsam zu sein, hat sich das rasch wieder gelegt.

Jetzt muß ich aber Schluß machen. Ich wünsche Ihnen alles Gute und hoffe, daß wir uns bald mal wieder sehen.

Gleich holt mein Freund mich ab und wir fahren mit dem Rad zum Baggerloch. Dann schwimmen wir, bis wir nicht mehr können, lassen uns treiben und trocknen in der Sonne. Gestern hat uns doch tatsächlich ein freundlicher Herr vom Ordnungsamt gebeten, an den Hauptstrand zu gehen,und dabei wollten wir gerade...

...Willkommen im Leben !


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