Neue Immuntoxin-Studie an der Kölner Uniklinik

Seit Januar 1999 bietet die Klinik I für Innere Medizin der Kölner Uniklinik Patienten mit rezidiviertem oder therapierefraktärem Morbus Hodgkin die Teilnahme an einer Studie mit dem neuen Medikament Ki-4.dgA an. Es handelt sich dabei um einen Antikörper, an den ein Giftstoff gekoppelt ist. Der Antikörper ist ziemlich spezifisch gegen die für den Morbus Hodgkin typischen Zellen gerichtet und soll diese mit Hilfe des Giftstoffes zerstören.

1995 wurde bereits eine Studie mit einem ähnlichen Immuntoxin durchgeführt, über die auch die Presse berichtet hat.

Als Teilnehmer für die neue Studie kommen Erkrankte mit zwei und mehr Rezidiven oder einem Progreß in Frage. Es sollen mindestens zwei Standardtherapien und evtl. eine Stammzell- oder Knochenmarktransplantation durchgeführt worden sein. Der Allgemeinzustand sollte noch so gut sein, daß Selbstversorgung möglich ist (Karnosky-Index > 50%). Es darf keine weitere akute Erkrankung, z.B. eine Infektion, vorliegen und keine HIV-Positivität.

Die wichtigsten Informationen über die Studie können Sie dem folgenden Aufklärungsbogen für die Studienteilnehmer entnehmen, der uns freundlicherweise von der Inneren Klinik I zur Verfügung gestellt wurde.

Für die Vollständigkeit und Richtigkeit dieser Angaben können wir leider keine Gewähr übernehmen.


Aufklärungsbogen

Klinik I für Innere Medizin
Universität zu Köln
Direktor: Prof. Dr. med. Volker Diehl
J.-Stelzmannstr. 9 - 50924 Köln - Germany
Tel.: 0221-478-4400 - FAX 0221-478-5455

Liebe Patientin, lieber Patient,

Ihnen wurde die Behandlung Ihres Hodgkin-Lymphoms mit dem Anti-CD30-Ricin-A Immuntoxin Ki-4.dgA vorgeschlagen. Da es sich bei Ki-4.dgA um ein neues Medikament handelt, muß die Behandlung in einer klinischen Studie erfolgen. Obwohl in Amerika und England schon mehrere Hundert Patienten mit Non-Hodgkin-Lymphomen mit sehr ähnlichen Medikamenten behandelt wurden, bestehen derzeit noch keine Erfahrungen bei Patienten mit oben genanntem Medikament. An unserer Klinik wurden bereits 2 Studien bei Patienten mit rezidivierten oder therapierefraktären Hodgkin-Lymphomen mit einem vergleichbaren Immuntoxin durchgeführt, welches sich gegen das CD25-Antigen auf den Hodgkin-/Reed-Sternberg-Zellen richtet. Daher bestehen Erfahrung bei ca. 30 Patienten mit Hodgkin-Lymphomen, die mit einem sehr ähnlichen Ricin-A-Immuntoxin behandelt wurden.

Im Rahmen dieser Studie werden Sie zusätzlich zu den üblichen Aufklärungsgesprächen genauestens über Sinn und Ziel der bei Ihnen geplanten Immuntoxinbehandlung unterrichtet. Sie müssen vollständig über mögliche Nebenwirkungen und zusätzliche Belastungen aufgeklärt sein. Bitte lesen Sie folgende Einwilligungserklärung sehr sorgfältig und notieren Sie etwaige Fragen zur Besprechung mit Ihren Ärzten.

Vor einer Entscheidung an der Teilnahme an dieser Immuntoxinstudie ist es wichtig, Sie auf folgendes hinzuweisen:

1. Die Studienteilnahme ist freiwillig.

2. Es ist möglich, daß Sie durch die Immuntoxinbehandlung selbst nicht profitieren. In jedem Fall hilft das während Ihrer Behandlung neu gewonnene Wissen den Ärzten, zusätzliche Erfahrung mit dieser neuen Therapieform zu sammeln, was dazu beitragen kann, anderen Patienten zu helfen.

3. Sie können zu jeder Zeit die Einwilligung zu dieser Studie widerrufen, ohne daß Ihnen dadurch irgendwelche Nachteile bezüglich der weiteren optimalen klinischen Versorgung entstehen würden.

Krankheitsaktivität

Ihr Hodgkin-Lymphom ist gegenwärtig so weit fortgeschritten, daß die Standardbehand-lungen wie Chemotherapie oder Bestrahlung wenig oder keine Aussicht auf ausreichende Kontrolle der Krankheitsaktivität bieten. Eine mögliche Knochenmarktransplantation wurde in Ihrem Falle in Betracht gezogen, jedoch entweder von Ihnen selber abgelehnt, bereits durchgeführt oder aus anderen Gründen von den behandelnden Ärzten derzeit nicht für möglich bzw. sinnvoll gehalten.

Das Medikament: Ki-4.dgA

Das in der hier beschriebenen klinischen Studie verwendete Immuntoxin trägt die Bezeichnung Ki-4.dgA. Es besteht aus einem sehr wirksamen Zellgift namens Ricin-A, das chemisch an einen monoklonalen Antikörper (Ki-4) gekoppelt ist. Das Immuntoxin erkennt und zerstört relativ spezifisch Hodgkin- und Reed-Sternberg Zellen, die bösartigen Tumorzellen beim Morbus Hodgkin. In der gründlichen vorklinischen Erprobungsphase hat sich Ki-4.dgA als außerordentlich spezifisch wirksam gegen experimentelle Hodgkin-Tumoren gezeigt. Es ist jedoch möglich, daß trotz der beabsichtigten gezielten Zerstörung der bösartigen Zellen Nebenwirkungen auftreten, die weiter unten genau beschrieben werden.

Dauer und Anzahl der Behandlungszyklen

Der Ablauf der notwendigen Diagnostik und der anschließenden Therapie sieht folgendermaßen aus: Zunächst werden Staging-Untersuchungen durchgeführt, die dazu dienen, Stadium und Ausbreitungsgrad der Erkrankung vor der Therapie genau zu dokumentieren. Danach wird Ihnen unter stationären Bedingungen jeden zweiten Tag insgesamt viermal, d.h. Tag 1-3-5-7 das Immuntoxin über 4 Stunden intravenös verabreicht. Weitere regelmäßige Folgeuntersuchungen können dann unter Umständen ambulant erfolgen. Die Behandlung soll alle zwei Wochen wiederholt werden und kann insgesamt bis zu zehnmal durchgeführt werden, sofern eine Verbesserung der Krankheitsaktivität festgestellt werden kann und Ihr Körper keine Antikörper gegen das Immuntoxinmolekül entwickelt. Falls es zu einem Fortschreiten der Erkrankung unter der Immuntoxinbehandlung kommt oder schwerwiegende Nebenwirkungen auftreten sollten, wird nur ein Zyklus durchgeführt oder die Behandlung frühzeitig abgebrochen. In jedem Fall schließt sich an die viertägige Immuntoxininfusion eine vierwöchige Nachbeobachtungsphase an, in der Sie sich mindestens einmal pro Woche in unserer Onkologischen Ambulanz vorstellen sollten.

Ziel der Ki-4.dgA-Studie

Das Hauptziel dieser klinischen Studie ist die Bestimmung der optimalen Dosierung des Ki-4.dgA-Immuntoxins. Dazu müssen bei verschiedenen Patienten unterschiedliche Dosierungen eingesetzt werden und die Konzentrationen des Medikamentes im Blut regelmäßig bestimmt werden. Andere Ziele sind die Dokumentation möglicher Nebenwirkungen und die Bestimmung von Antikörpern gegen das Medikament. Natürlich sind wir sehr auf die Wirkung des Immuntoxins gegen Hodgkin-Lymphome gespannt, jedoch ist dieses formell nicht das Hauptziel der Studie.

Erforderliche Untersuchungen

Die Untersuchungen vor der Immuntoxinbehandlung umfassen neben gründlicher körperlicher Untersuchung mehrere Blutuntersuchungen, Röntgenbilder der Lunge, Oberbauchsonographien, CT-Untersuchungen des Thorax- und des Abdomens, eine Knochenmark- und eventuell eine Lymphknotenbiopsie. Diese Untersuchungen dienen dazu, die genaue Ausdehnung der Erkrankung festzustellen, um das Ansprechen auf die Behandlung verfolgen zu können. Während der Behandlung mit dem Immuntoxin werden täglich Blutproben entnommen, von denen einige für diagnostische Zwecke nötig sind und andere für wissenschaftliche Untersuchungen dienen. Zusätzlich werden bei den Kontrolluntersuchungen nach der Behandlung oder wenn die klinische Situation es erfordert, Röntgen- oder Ultraschalluntersuchungen durchgeführt, so wie es Ihnen bereits aus der Standardbehandlung bekannt ist.

Blutabnahmen

Wir werden Ihnen während der Behandlung täglich und danach einmal pro Woche ca. 20-50 ml Blut entnehmen. Dieses dient neben den routinemäßigen Laboruntersuchungen der weiteren Erforschung der Immuntoxinwirkung. Selbstverständlich werden wir Ihnen neben den Ergebnissen der Routineuntersuchungen auch die Ergebnisse der zusätzlichen experimentellen Untersuchungen mitteilen.

Mögliche Nebenwirkungen der Immuntoxinbehandlung

Bei den bisher mit sehr ähnlichen Immuntoxinen behandelten Non-Hodgkin-Lymphom-Patienten konnten Erfahrungen über mögliche Nebenwirkungen gesammelt werden. Beobachtet wurden gelegentlich allergische Reaktionen gegen das Medikament, die sich in Hautrötungen, Fieber, Schüttelfrost, Übelkeit, Erbrechen und geringem Blutdruckabfall äußern können. Auch ein mildes Engegefühl in der Brust zu Beginn der Immuntoxininfusion wurde beschrieben. Diese Symptome verschwinden in der Regel von alleine oder können durch Medikamente beseitigt werden. Es könnten jedoch theoretisch allergische Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock mit Todesgefahr entstehen.

Generell gilt, daß wahrscheinlich während und auch nach bereits beendeter Immuntoxininfusion das sogenannte Vascular-Leak-Syndrom auftritt. Hierbei handelt es sich um eine Verschiebung von Eiweiß und Flüssigkeit aus den Blutgefäßen in das Gewebe. Gelegentlich wurde auch Wasser in den Lungen beobachtet. Dieses führt zu einer Gewichtszunahme, die sich nach der Behandlung, ohne Folgen zu hinterlassen, zurückbildet und nur in sehr schweren Fällen mit Medikamenten behandelt werden muß.

Es kann zum Auftreten von leichten neurologischen Störungen kommen, die sich zumeist als Wortfindungsstörungen oder vorübergehende Konzentrationsstörungen äußern (beobachtet bei Patienten mit Non-Hodgkin-Lymphomen). Diese Symptome bildeten sich bisher vollständig zurück.

Bei der Behandlung mit Ricin-A Immuntoxinen können Schwäche und Gelenkschmerzen auftreten. Bei etwa der Hälfte der behandelten Patienten wurden Muskelkater-ähnliche Symptome beobachtet, in etwa 10% der Fälle stärker ausgeprägte Irritationen des Muskelgewebes, die in seltenen Fällen zu einer sogenannten Rhabdomyolyse, das heißt, einer schweren Schädigung des Muskelgewebes, führen kann. Auch diese Nebenwirkungen bildeten sich vollständig zurück.

Die von uns bisher mit dem Anti-CD25-Immuntoxin behandelten Patienten mit Hodgkin-Lymphomen zeigten in unterschiedlichem Umfang einen Eiweißverlust, eine Gewichtzunahme, Ödeme, eine Beschleunigung des Pulses, eine Erniedrigung des Blutdruckes und ein allgemeines Schwächegefühl mit Müdigkeit. Außerdem waren zu beobachten Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen, leichte Übelkeit und leichte allergische Reaktionen. Insgesamt wurde die Behandlung jedoch gut toleriert. Alle Nebenwirkungen bildeten sich zurück.

Da bisher die Auswirkungen der Immuntoxinbehandlung auf den sich entwickelnden humanen Feten unbekannt sind, ist eine Kontrazeption für Frauen im gebärfähigen Alter während und bis zu drei Monaten nach der Immuntoxinbehandlung obligat.

Wichtiger Hinweis:

Wir möchten hier noch einmal ausdrücklich betonen, daß Ihre Teilnahme an dieser klinischen Studie vollkommen freiwillig ist. Es ist möglich, daß trotz der Behandlung in Ihrem Fall keine Verbesserung bzw. sogar eine Verschlechterung der Erkrankung oder zusätzliche Komplikationen auftreten können. Mit Ihrer Einwilligung in die Behandlung helfen Sie uns jedoch, weitere Erfahrungen mit diesem neuen Medikament zu sammeln, die anderen Patienten nutzen können. Alle wichtigen Behandlungs- und Forschungsergebnisse werden wir ausführlich mit Ihnen besprechen.

Noch einmal: Falls Sie selbst zu irgendeinem Zeitpunkt nach der Einwilligung eine Beendigung der Studienteilnahme wünschen, hätte diese für Sie keinerlei negative Auswirkungen auf die weitere Behandlung Ihrer Erkrankung.

Bitte unterschreiben Sie die Einwilligungserklärung, wenn Sie alle im Zusammenhang mit dieser Immuntoxinstudie stehenden Untersuchungen und möglichen Nebenwirkungen verstanden haben und sich zu einer Teilnahme an der Studie entschließen.


ACHTUNG: Diese Angaben sind mehr als zehn Jahre alt, die Sudie ist längst Geschichte !!!