Saturday Night Fever

Die folgende Geschichte ist natürlich frei erfunden. Sie schildert die Erlebnisse zweier ganz normaler junger Leute und hätte durchaus so passiert sein können. Deshalb konnten Ähnlichkeiten mit wirklichen Personen auch nicht vermieden werden...

Katerine stand vor dem Spiegel und zupfte noch ein paar Strähnen zurecht. Sie war sehr zufrieden mit dem, was sie sah. Das hellblonde Haar ließ ihre Haut etwas weniger blaß erschienen. Die Jeans aus nachtblauem Leder saß perfekt. Dazu eine ärmellose, weiße Bluse mit schmalem, tiefem Ausschnitt. Das knappe Mieder darunter ließ gerade den Ansatz ihrer Brüste erahnen. Weil sie tanzen wollte, trug sie flache Slipper aus Wildleder. Alex trug einen dunkelblauen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte.

Er war Samstagabend und sie waren auf dem Weg in die Nobeldisco ‘Manhattan’. Es ging ihnen beiden gut, und sie würden nochmal so richtig abtanzen.

Der Türsteher musterte sie wohlwollend, ein gepflegtes Outfit war hier gern gesehen. Als sie ihm ihre Kreditkarte gab, zog er die Augenbrauen zusammen. Wahrscheinlich erwartete er ein Trinkgeld, aber der Schuppen war so schon teuer genug.

Sie hatten hier leckere alkoholfreie Cocktails aus Fruchtsäften und nachdem sie was getrunken hatten, gingen sie auf die Tanzfläche. Katerine war eine leidenschaftliche Tänzerin, leider hielt sie im Moment nicht besonders lange durch und konnte auch nicht alles zeigen, was sie so draufhatte. Alex hatte es gut, er sah mit seiner Glatze ausgesprochen gut aus und es war auch nicht so warm auf dem Kopf. Ihr waren vor ein paar Wochen bei einer schnellen Drehung die Haare im Halsschmuck eines anderen Mädchens hängengeblieben, das mit ihrer Perücke am Hals einfach weitergetanzt hatte. Der ganze Vorfall war überaus peinlich gewesen, da das Mädchen im Getümmel zunächst nicht mehr aufzufinden war, dann aber hysterisch zu kreischen angefangen hatte.

Sie versuchte gerade einen besonders gewagten Hüftschwung, als jemand die Hand auf ihre Schulter legte. "Kommen Sie bitte mit." Der Polizist zeigte seine Marke und dirigierte sie zum Rand der Tanzfläche. "Sie sind drogensüchtig.", stellte er fest. Katerine war verblüfft, aber plötzlich ging ihr auf, warum der Türsteher sie so komisch angesehen hatte. Der neue Assistenzarzt hatte den unzähligen Narben auf ihren Armen 2 große blaue Flecken hinzugefügt. Verflixt, sie hätte etwas Make-up drauftun sollen. "Ich war in einem Krankenhaus." erwiderte Sie. "Ich muß Sie bitten, uns zu begleiten.", eine Beamtin in Zivil gesellte sich dazu.

"Alex, ruf’ Frowin an, dreimal die 3, zweimal die 4." Gott sei Dank war seine Nummer so leicht zu merken. Hoffentlich hatte Alex Kleingeld...

Prof. Frowin war ziemlich populär und die Leute hatten Respekt vor ihm. Was übrigens seiner Eitelkeit schmeichelte. Er war Mitglied in allen möglichen Vereinen und sein jährlicher Auftritt als Aktivist des rheinischen Karnevals hatte ihm den Spitznamen "Professor Frohsinn" eingetragen.

Er erwartete sie eigentlich erst am Montag, dann würde sie brav auf seiner Station erscheinen, um sich die nächste Chemo reinzuziehen. Dort hatte sie auch Alex kennengelernt. Meistens waren nicht so viele junge Leute da und die beiden waren schnell Freunde geworden. Nach Möglichkeit stimmten sie ihre Therapietermine miteinander ab, nur der Versuch, ein gemeinsames Doppelzimmer zu bekommen, war bisher kläglich gescheitert. Er würde am Mittwoch kommen und sie würden sich wieder tagelang mies fühlen. Aber jetzt wollten sie noch mal ihren Spaß haben.


Die Kraft, die wir brauchen, um all’ die schlimmen Dinge zu ertragen, kommt aus der Liebe, die wir füreinander empfinden.


Alexander sah auf die Uhr und zog ein Gesicht, er hatte die dankbare Aufgabe, nachts um halb eins bei Frowin anzurufen. 33344, es klingelte... und klingelte... und klingelte... Wenn er jetzt gar nicht zu Hause war ...

"Frowin", meldete sich eine weibliche Stimme, ziemlich verschlafen. Oh Gott, seine Frau war am Telefon. Wie sollte er ihr bitteschön klarmachen, daß sie jetzt ihren vielbeschäftigten Mann aus dem Bett holen würde, damit er Katerine aus den Fängen der Polizei befreite?

"Ähäm, könnte ich bitte Ihren Mann sprechen." sagte Alex.

"Wer ist denn da?" fragte Frau Frowin. Verdammt!

"Was ist los?" kam eine Stimme aus dem Hintergrund.

"Da will Dich jemand sprechen."

"Ja, Frowin !?!" er klang etwas ungehalten.

"Hier ist Alex..."

"Alexander, was ist denn?"

"Die Bullen waren im ‘Manhattan’. Sie haben Kate mitgenommen. Sie glauben, daß sie Drogen nimmt.

"Ich werde mich darum kümmern." sagte er, legte auf und das war’s. Na toll !!!

Der Polizist versenkte seine Augen in Katerines Ausschnitt, öffnete ein wenig den Mund und schloß ihn wieder. "Was nehmen Sie ?" fragte er.

"Hm, mal überlegen: Carmustin, Vincristin, Dacarbazin, Cyclophosphamid, Etoposid, Bleomycin, Alexan ...."

Der Polizist sah sie fragend an: "Hab’ ich noch nie gehört, wie schreibt man das ?"

Sie musterte den Polizisten: Er war klein und dick und hatte ein Triebtätergesicht. Daß so was zur Polizei darf... Sie fing an zu buchstabieren. Hoffentlich hatte Alex Frowin erreicht. Er war natürlich mindestens 20 Jahre älter als sie, hatte sich aber gut gehalten. Sie fand ihn attraktiv. Er war nicht im eigentlichen Sinne gutaussehend, aber er hatte ein wunderbares Lachen - wenn er mal lachte, was bei seinem Job einigermaßen selten vorkam. Außerdem trieb er Sport, war klein und drahtig. Er hatte einen gewissen Sex-Appeal, was man von dieser Pfeife hier nicht gerade behaupten konnte.

Mit einem liebenswürdigen Lächeln begann sie, dem Polizisten sämtliche Medikamente zu buchstabieren, die sie jemals bekommen hatte....

Katherine hing an Frowin, mit all’ seinen kleinen menschlichen Schwächen. Das war nicht immer so gewesen. Klar, er war ein überaus fähiger Mediziner, deshalb war sie damals zu ihm gekommen. Aber der menschliche Eindruck war eine Katastrophe: distanziert, sachlich, unnahbar: ein Eisklotz. Er hatte denn auch einiges von ihr wegzustecken. Erst später sah sie, wie er hinter dieser Fassade war: einfühlsam, sensibel, verletzlich. Und sie fragte sich, was er wohl Schlimmes erlebt haben mochte. Auf jeden Fall war auf ihn Verlaß.

Als sie gerade dabei war, "Amphothericin B" zu buchstabieren, ging die Tür auf. Es war nicht zu fassen, Frowin sah aus wie aus dem Ei gepellt, er hatte sich sogar rasiert. Er lächelte, "Na, was machen Sie denn für Sachen ?" Der Polizist machte Glubschaugen, als Frowin sich an ihn wandte, wahrscheinlich hatte er mal ein Bild von ihm in der Zeitung gesehen. "Was haben Sie ihr vorzuwerfen?" "Sie hat gerade zugegeben, diese ganzen Drogen hier genommen zu haben." sagte der Polizist, zeigte ihm das Protokoll und kam sich wahnsinnig wichtig vor. Frowin und Katerine brachen in schallendes Gelächter aus.

Sie lachten noch, als sie die Polizeiwache verließen. "Und wohin jetzt?" fragte Frowin. "Na, zurück in’s ‘Manhattan’." sagte Katerine.

Birgitta Meister


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